Velib

Die Velibs sind los!

Seit dem 14. Juli stehen in Paris 10 648 Fahrräder an 750 Stationen bereit. Bis zum Ende des Jahres sollen es über 20 000 an etwa 1500 Stationen werden. Ein Erfahrungsbericht.

empfohlene Hintergrundmusik:

Seit ein paar Monaten schießen sie überall wie die Pilze aus dem Boden. Alle 300 Meter findet sich über ganz Paris verteilt eine von ihnen: Die Velib-Station. Velib, c’est la liberté – so hieß auf den Plakaten. Das Kunstwort, zusammengesetzt aus Velo und liberté soll für den Ausweg aus den überfüllten Verkehrsadern stehen. Davon, dass sie tatsächlich überfüllt sind, erzählt z.B. fuckinparis. Davon, dass es einen Ausweg gibt, erzählt die erst im Dezember letzten Jahres eingeweihte Tramway T3 und nun das Velib.

Das Prinzip:
Für recht wenig Geld besorgt man sich ein Abonnement. 1 Euro der Tag, 5 Euros die Woche, 30 das Jahr. Mit diesem ist die jeweils erste halbe Stunde kostenlos. Danach wirds teuer, schon für eine halbe Stunde extra muss man einen Euro zahlen, sprich, sie sind dafür gedacht von einem Ort zum anderen zu fahren. Also nicht unbedingt für Touristen. Du gehst zur Station und alles was Du brauchst ist eine Bank/Kredit-Karte. Damit wird bezahlt und das Recht darauf eine Kaution von 150 Euro im Falle des Verlustes des geliehenen Fahrrads einzuziehen. Als Gegenleistung dazu erhälst Du eine Nummer, mit der Du von nun an an jeder beliebigen Station Dein Vehikel borgen kannst.

Das geht?
Und wie. Es ist super. Mit dem Pass Navigo – der Karte für Metro und Bus – ist es noch einfacher. Einfach Pass auf die Fahrradhalterung legen, Biep abwarten und los gehts! Die halbe Stunde reicht locker, um einmal durch halb Paris zu fahren. Den Weg zur Schule, für den ich sonst mit Metro+Bus etwa eine gute halbe Stunde brauche, hat man innerhalb von 15 Minuten hinter sich. Es gibt inzwischen recht viele Fahrradwege und die Buslinien, die jede größere Straße hat, wurden kurzerhand auch zu Fahrradwegen ernannt. Wenn man große Kreuzungen meidet fährt es sich ohne großen Stress an sein Ziel. Die Velibs rollen gut, sind nicht zu schwer und leicht zu treten.

Velib am Tag…
… ist la classe. Du entweichst der Höllen-ähnlichen Hitze von Metro und Bus, an jeder Station stehen Fahrräder zu Deiner Verfügung, die Passanten – zu Fuß wie im Auto – bewundern Dich. An jeder Station? Es gibt da so ein paar Haken, so ist etwa die Station in Wartung oder geht gar nicht, noch nicht fertig gebaut, alles leer oder alles voll – aber das rote Licht sagt uns das die Station blockiert ist. Das kann nerven. Deswegen beta. Hat sich dann jedoch eine funktionierende, fertige Station gefunden und Du bekommst Dein Velib – dann ist all das schnell vergessen. Es rollt sich wie von selbst.
Warum 2.0? Velib ist interaktiv. Jeder bestaunt die neuen Stationen, Du kommst ins Gespräch, alle sind neugierig, wollen wissen wie es geht. Interaktiv auch auf Software-Ebene, so gibt es etwa für den Fall einer leeren Station eine digitale Karte, die einem die nächst-gelegenen Stationen samt Bestand anzeigt. Und wie schon gesagt, keine ist weiter als 300 Meter von der nächsten entfernt.

Velib in der Nacht…
… ist la classe. Sofern sich eines finden lässt und Du es auch wieder los wirst. So machen sich am Abend einseitige Strömungen bemerkbar. Möchtest Du in Deinem Barbezirk préféré ein Velib loswerden – keine Chance – die Idee hatten andere vor Dir. Für den Rückweg? Die Stadt scheint leergefegt. Kein Velib weit und breit. Wenn Du sie siehst – und Du siehst sie oft – dann sind sie schon mit einem Anderen unterwegs. Leider kommt es auch vor, dass das eine oder andere Velib die Nacht nicht überlebt. Doch Du gibt’s die Suche nicht auf. Denn mit einem Velib kommst Du von überall und jederzeit unabhängig von Nachtbus sowie der letzten Metro nach Hause.
Und auch hier gilt: Sobald Du Deines gefunden hast, gleitest Du mit einem Lächeln über die Straße, das die Nacht hell erleuchten lässt.

Es wird noch einige Zeit brauchen, bis das System gut ausbalanciert ist und alle Stationen fehlerfrei laufen. Die Akzeptanz ist dennoch sehr groß und schon jetzt sind die Velibs nicht mehr wegzudenken. Ob es eine Entlastung für Bus/Metro/RER gibt, wird die Zeit zeigen.

Einer der schönsten Unterschiede für mich, macht die Offenheit aus, die die Velibs erzeugen. Während in der Metro jeder für sich bleibt, bist Du mit einem Velib nie allein. Velib ist Kommunikation. Jeder redet mit jedem darüber, man erklärt es sich gegenseitig und Alle freuen sich. Es zaubert Faszination und ein Lächeln auf die Gesichter der Pariser, ganz anders als die sonst übliche “gueule parisien”.
So wurde mir heute von einer entgegenkommenden Gruppe auf die nächste Velib-Station hinweisend klar gemacht:

C’est l’avenir! Au bout de la rue! Allez!

So, nach dieser Lobeshymne sollte ich vielleicht erstmal schlafen gehen, und runterkommen von meinem Velib-Rausch